Sex- und Blutorgien im Zentrum der Weltrevolution


Nachts kamen Stalins Killer: Im Moskauer Hotel Lux lebten und starben zahllose KP-Funktionäre und Emigranten. Leander Haußmann macht daraus eine Komödie.

Ernst Thälmann (1932)

Ernst Thälmann (1932) (Photo credit: Wikipedia)

„Wat sagt ihr – heut’ hab’ ich für ’ne Dose Kondensmilch mit ’ner Großfürstin gepennt!“ Das war Rußland. Das war Ernst Thälmann.

Und das war das Hotel Lux. Jenes legendäre Hotel in der Uliza Twerskaja 10, in dem seit dem III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale (Komintern) 1921 die Delegierten aus aller Welt untergebracht wurden.

Das Hotel Zentralnaja in der Moskauer Twerskaja Ulica ist besser bekannt als "Hotel Lux", wie es in den Dreißigern hieß. Es beherbergte viele kommunistische Flüchtlinge aus Westeuropa, vor allem aus Deutschland. Unliebsame Genossen wurden hier von der sowjetischen Führung allerdings auch gegen ihren Willen festgehalten. Der Kopf ...

Das Hotel Zentralnaja in der Moskauer Twerskaja Ulica ist besser bekannt als „Hotel Lux“, wie es in den Dreißigern hieß. Es beherbergte viele kommunistische Flüchtlinge aus Westeuropa, vor allem aus Deutschland. Unliebsame Genossen wurden hier von der sowjetischen Führung allerdings auch gegen ihren Willen festgehalten. Der Kopf …

So grotesk, wie es der Film Hotel Lux vorführt, war die Wirklichkeit in dem Haus allerdings nicht, das die einen „Hauptquartier des Generalstabes der Weltrevolution“, die anderen einen „Goldenen Käfig der Komintern“ nannten.

Deutsch: Ernst Thälmann Denkmal in Werdau.

Deutsch: Ernst Thälmann Denkmal in Werdau. (Photo credit: Wikipedia)

Und so trickreich wie der Filmheld Hans Zeisig, von Michael „Bully“ Herbig gemimt, sich den politischen Zumutungen und lebensbedrohenden Bedrängnissen zu entziehen vermag, kam im echten Hotel Lux keiner davon.

Die Kinowirklichkeit ähnelt der kommunistischen Realität so wenig, wie das Berliner Hotel Cumberland, wo der Film gedreht wurde, dem Hotel im Herzen Moskaus gleicht.

... hinter dem Terror: Josef Stalin, faktischer Herrscher über das Sowjetreich von den frühen Zwanzigern bis zu seinem Tod 1953.

… hinter dem Terror: Josef Stalin, faktischer Herrscher über das Sowjetreich von den frühen Zwanzigern bis zu seinem Tod 1953.

Johann Kresnik hatte 1998 mit Hotel Lux, ul. Tverskaja 10, MOCKBA in Berlin versucht, die Intrigen, Denunziationen und Verfolgungen in diesem Zufluchtsort und Notquartier der Emigranten mit seinem Tanztheater künstlerisch zu bewältigen.

English: German film and theater director Lean...

English: German film and theater director Leander Haußmann and his girlfriend actress Annika Kuhl at the ARD DEGETO Blue Hour Party 2010. (Photo credit: Wikipedia)

Mit einem sehr zwiespältigen Ergebnis. Leander Haußmann, der die Idee zu dem Film, an der Helmut Dietl bereits seit zehn Jahren bastelte, übernommen hat, dachte dagegen wohl eher, es Ernst Lubitsch und seinem hochkomischen sarkastischen Film „Sein oder Nichtsein“ gleichzutun. Aber, da sind sich die Kritiker einig, diese Meßlatte liegt viel zu hoch für ihn.

Die Gästeliste des Hotels wurde nie veröffentlicht. Dennoch ist bekannt, hinter welchen Pseudonymen sich welche Menschen verbargen: Ernst Friesland etwa wohnte hier, bevor er als Ernst Reuter Bürgermeister von West-Berlin wurde.

Die Gästeliste des Hotels wurde nie veröffentlicht. Dennoch ist bekannt, hinter welchen Pseudonymen sich welche Menschen verbargen: Ernst Friesland etwa wohnte hier, bevor er als Ernst Reuter Bürgermeister von West-Berlin wurde.

2011 könnte das Hotel, das zuerst Franzija hieß, dann Lux, dann Zentralnaja und demnächst wieder Lux oder auch Mandarin Oriental heißen könnte, seinen 100. Geburtstag feiern.

Herbert Wehner (r., neben SPD-Chef Erich Ollenhauer) checkte in den Dreißigern unter dem Decknamen Kurt Funk ein. Später war er mehr als zehn Jahre lang SPD-Fraktionschef im Bundestag.

Herbert Wehner (r., neben SPD-Chef Erich Ollenhauer) checkte in den Dreißigern unter dem Decknamen Kurt Funk ein. Später war er mehr als zehn Jahre lang SPD-Fraktionschef im Bundestag.

Seine wechselvolle Geschichte wäre Grund genug dafür.

Auch ein "Ercoli" stand auf der Gästeliste. Es handelte sich dabei um Palmiro Togliatti, 1947 bis 1964 Chef der italienischen KP. Hinter dem Namen "Walter"...

Auch ein „Ercoli“ stand auf der Gästeliste. Es handelte sich dabei um Palmiro Togliatti, 1947 bis 1964 Chef der italienischen KP. Hinter dem Namen „Walter“…

Aber weil diese Geschichte, die mit viel Optimismus in den letzten Jahren der Zarenzeit begann, bald voller dunkler Flecken war, erzählt keine Gedenktafel am Haus davon, was hier geschah, wer hier Quartier bezogen hatte und…

... verbarg sich der spätere jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito.

… verbarg sich der spätere jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito.

… wer von hier den Weg in die Folterzellen von Stalins Geheimpolizei, in den Gulag oder in die Todeszelle antreten mußte.

„Niedrige Ränge haben keinen Zutritt“

Der deutsch-sowjetische Spion Richard Sorge, der von den Japanern gehenkt wurde, hat ebenfalls im "Hotel Lux" gewohnt ...

Der deutsch-sowjetische Spion Richard Sorge, der von den Japanern gehenkt wurde, hat ebenfalls im Hotel Lux gewohnt …

Auf dem Grundstück, damals Twerskaja 36, stand ursprünglich die zweistöckige Bäckerei von Iwan Filippow.

Iwan Filippow genoß einen besonderen Ruf, weil er angeblich die besten Kalatschen, Piroggen und Wecken buk. Nicht nur für Moskau.

... wie wie auch Rudolf Slansky (M.). Er stand mehrere Jahre an der Spitze der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, wurde jedoch nach einem Schauprozeß 1953 als angeblicher Verschwörer hingerichtet. Ein ähnliches Ende ...

… wie wie auch Rudolf Slansky (M.). Er stand mehrere Jahre an der Spitze der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, wurde jedoch nach einem Schauprozeß 1953 als angeblicher Verschwörer hingerichtet. Ein ähnliches Ende …

Wenn die winterliche Kälte einbrach und seine Backwaren an der Luft einfroren, durfte er mit dieser Tiefkühlkost vor der Erfindung der Tiefkühlkost sogar den Zarenhof in St. Petersburg beliefern.

... fand der ungarische Ministerpräsident Imre Nagy: Er wohnte erst im "Lux" und wurde 1958 nach dem ungarischen Volksaufstand hingerichtet.

… fand der ungarische Ministerpräsident Imre Nagy: Er wohnte erst im „Lux“ und wurde 1958 nach dem ungarischen Volksaufstand hingerichtet.

Sein Sohn, finanziell dadurch vortrefflich unterfüttert, verwandelte das Eckhaus, immerhin „vierzig Schritte lang an der Hauptfront und dreißig Schritte lang um die Ecke in eine Seitengasse hinein“, 1911 in das prächtige vierstöckige Hotel Franzija.

Nicht jeder wohnte freiwillig im "Lux". Ruth Fischer etwa mußte dort zehn Monate bleiben, nachdem sie von Stalin 1925 als KPD-Vorsitzende entmachtet und ausgeschlossen worden war. Wegen solcher Fälle wurde das "Lux" auch "Goldener Käfig der Komintern" genannt.

Nicht jeder wohnte freiwillig im „Lux“. Ruth Fischer etwa mußte dort zehn Monate bleiben, nachdem sie von Stalin 1925 als KPD-Vorsitzende entmachtet und ausgeschlossen worden war. Wegen solcher Fälle wurde das „Lux“ auch „Goldener Käfig der Komintern“ genannt.

Den Eingang schmückten zwei mächtige Säulen. Das Foyer prunkte mit Marmor und hohen Spiegeln. Und das Filippowschen Café unterstrich seine Distinktion mit den Schildern: „Für Hunde verboten“ und „Niedrige Ränge haben keinen Zutritt“.

Den Zweiten Weltkrieg und diverse stalinistische "Säuberungen" überlebten diese späteren Machthaber im Lux: Georgi Dimitroff, 1946 bis 1949 bulgarischer Ministerpräsident ...

Den Zweiten Weltkrieg und diverse stalinistische „Säuberungen“ überlebten diese späteren Machthaber im Lux: Georgi Dimitroff, 1946 bis 1949 bulgarischer Ministerpräsident …

Suche nach versteckten Mikrofonen

Das galt natürlich nach dem „Roten Oktober“ nicht mehr.

... Wilhelm Pieck, 1949 bis zu seinem Tode 1960 der erste und einzige Präsident der DDR, und ...

… Wilhelm Pieck, 1949 bis zu seinem Tode 1960 der erste und einzige Präsident der DDR, und …

Trotzdem hatte keineswegs jedermann Zutritt.

„Das ‚Hotel Lux“ konnte man nur mit einem Propusk, einem Durchlaßschein betreten“, schreibt Margarete Buber-Neumann in ihren Erinnerungen an die Zeit, in der sie sie mit ihrem Mann, dem KPD-Funktionär Heinz Neumann, im Hotel Lux wohnte.

... Walter Ulbricht, 1960 bis 1973 Staatsratsvorsitzender in der DDR.

… Walter Ulbricht, 1960 bis 1973 Staatsratsvorsitzender in der DDR.

„Jeder Besucher wurde registriert. Dadurch hatte die sowjetische Staatspolizei, die GPU, damals schon NKWD genannt, eine vorzügliche Kontrolle, wer mit wem in Verbindung stand.

Auch er machte nach dem Aufenthalt im "Lux" Karriere: Boleslaw Bierut, in den Vierzigern und Fünfzigern Präsident, Staatsratsvorsitzender und Ministerpräsident des kommunistischen Polens. Ein weiterer Aufsteiger .

Auch er machte nach dem Aufenthalt im „Lux“ Karriere: Boleslaw Bierut, in den Vierzigern und Fünfzigern Präsident, Staatsratsvorsitzender und Ministerpräsident des kommunistischen Polens. Ein weiterer Aufsteiger .

Die Telephone in den einzelnen Zimmern wurden ebenfalls überwacht. Immer wieder bemerkten wir ein knackendes Geräusch, nachdem die Verbindung hergestellt war. Die Post unterlag selbstverständlich einer Kontrolle.

... war Klement Gottwald, 1948 bis 1953 Präsident der Tschechoslowakei.

… war Klement Gottwald, 1948 bis 1953 Präsident der Tschechoslowakei.

Die Furcht vor Bespitzelung nahm solche Formen an, daß man sein Zimmer vom Fußboden bis zur Decke nach Abhöranlagen durchforschte und auf der Suche nach einem versteckten Mikrophon alle Steckkontakte und sogar die Lampen auseinanderschraubte.“

Ruth von Mayenburg lebte von 1938 bis 1945 im "Lux" und war verheiratet mit ...

Ruth von Mayenburg lebte von 1938 bis 1945 im „Lux“ und war verheiratet mit …

Die lustigste Baracke der Revolutionäre

Das war in den dreißiger Jahren, als die Stalinschen Säuberungen mit den Massenverhaftungen angeblicher Volksfeinde, Spione und Trotzkisten die wackeren Kommunisten, die glaubten in der Sowjetunion Schutz gefunden zu haben, lähmte.

... dem österreichischen Kommunisten Ernst Fischer. Über die Zeit im "Lux" schrieb sie unter anderem, in den unteren Etagen gebe es "wanzenbelebte Mehrbettzimmer", wo unter anderem dieser Mann nächtigte: ...

… dem österreichischen Kommunisten Ernst Fischer. Über die Zeit im „Lux“ schrieb sie unter anderem, in den unteren Etagen gebe es „wanzenbelebte Mehrbettzimmer“, wo unter anderem dieser Mann nächtigte: …

Der Anfang war allerdings weit weniger beängstigend. Da fand hier Quartier, wer zu den Kongressen der Komintern anreiste. Zwar hatten die Bolschewiki ursprünglich überlegt, die Zentrale in einem westlichen Land einzurichten, um „Internationalität“ herauszukehren. Doch dann lag Moskau näher.

Zhou Enlai (l.). Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er Karriere und war von 1949 bis zu seinem Tod 1976 Premierminister der Volksrepublik China. Neben ihm auf dem Foto der Nordkoreaner Kim Il-sung.

Zhou Enlai (l.). Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er Karriere und war von 1949 bis zu seinem Tod 1976 Premierminister der Volksrepublik China. Neben ihm auf dem Foto der Nordkoreaner Kim Il-sung.

Der Jude Leon Trotzki soll deshalb in einer Exekutivtagung der Komintern gelästert haben:

„Also gut – aber dann schreiben wir in die Satzung nicht nur hinein ‚Sitz in Moskau‘, sondern auch ‚alle Vertreter der kommunistischen Parteien müssen immer im Lux wohnen'“.

Ebenfalls Gast im "Lux": Ho Tschi Minh, Premierminister (1945-1955) und Präsident (1955-1969) der Demokratischen Republik Vietnam.

Ebenfalls Gast im „Lux“: Ho Tschi Minh, Premierminister (1945-1955) und Präsident (1955-1969) der Demokratischen Republik Vietnam.

Dazu kam es tatsächlich, ohne daß es festgeschrieben war. So wurde das „Lux“ erst einmal zur „lustigsten Baracke“ der Weltrevolutionäre. Denn wer hier logierte, war privilegiert.

Zurück zu den deutschen "Lux"-Bewohnern: Der spätere DDR-Kultusminister Johannes R. Becher beschrieb anschaulich die Angst der Hotelgäste vor dem sowjetischen Geheimdienst. Bei einer der von ihm beschriebenen "Säuberungsaktionen" ...

Zurück zu den deutschen „Lux“-Bewohnern: Der spätere DDR-Kultusminister Johannes R. Becher beschrieb anschaulich die Angst der Hotelgäste vor dem sowjetischen Geheimdienst. Bei einer der von ihm beschriebenen „Säuberungsaktionen“ …

Während die Moskauer Bevölkerung in recht elenden Verhältnissen unter dem Kriegskommunismus darben mußte, lebte man hier quasi in Saus und Braus.

  • Deshalb bildete sich um das Hotel, was puritanische Funktionäre empörte, ein Straßenstrich.
... kam ihr Ehemann ums Leben: Die Schriftstellerin und Publizistin Margarete Buber-Neumann, verheiratet mit dem deutschen Kommunisten Heinz Neumann.

… kam ihr Ehemann ums Leben: Die Schriftstellerin und Publizistin Margarete Buber-Neumann, verheiratet mit dem deutschen Kommunisten Heinz Neumann.

Sex ist wie ein Glas Wasser

Für ein paar Lebensmittel waren Frauen bereit, sich zu prostituieren – weil sie, als bourgeoise abgestempelt, keine Arbeit fanden, keinen Unterhalt erhielten, ihre Kinder zu ernähren. Ob darunter tatsächlich eine Großfürstin war, wie Ernst Thälmann, damals Abgesandter der KPD und noch nicht Parteiführer und kommunistischer Präsidentschaftskandidat, schwadronierte, mag dahingestellt sein.

Im Oktober 1941 wurde das "Lux" zunächst evakuiert, einige Monate später kehrten die ersten Gäste zurück – unter anderem jene, deren Wohnungen durch den Krieg zerstört worden waren. Unter ihnen waren die Schriftsteller Theodor Plievier ("Des Kaisers Kulis") ...

Im Oktober 1941 wurde das Lux zunächst evakuiert, einige Monate später kehrten die ersten Gäste zurück – unter anderem jene, deren Wohnungen durch den Krieg zerstört worden waren. Unter ihnen waren die Schriftsteller Theodor Plievier („Des Kaisers Kulis“) …

Aber die „freie Liebe“ erschien nicht wenigen Funktionären als eine schöne Errungenschaft. Alexandra Kollontai, die erste Frau, die Ministerin und später Botschafterin wurde, soll erklärt haben, Sex sei wie ein Glas Wasser, man nehme es sich, wenn man Durst habe.

... Fritz Erpenbeck ("Aus dem Hinterhalt") ...

… Fritz Erpenbeck („Aus dem Hinterhalt“) …

Das ging Lenin, wie er in einem Gespräch mit Clara Zetkin erklärte, arg gegen den Strich:

Berlin memorial plaque, Ernst Lubitsch, Schönh...

Berlin memorial plaque, Ernst Lubitsch, Schönhauser Allee 183, Berlin-Prenzlauer Berg, Germany Koordinate: 52°31′48″N 13°24′37″E / °S °W / ; latd>90 (dms format) in latd latm lats longm longs (Photo credit: Wikipedia)

„Sie kennen gewiß die famose Theorie, daß in der kommunistischen Gesellschaft die Befriedigung des sexuellen Trieblebens, des Liebesbedürfnisses, so einfach und belanglos sei, wie ‚das Trinken eines Glases Wasser‘. Diese Glas-Wasser-Theorie hat einen Teil unserer Jugend toll gemacht, ganz toll. Sie ist vielen jungen Burschen und Mädchen zum Verhängnis geworden. Ihre Anhänger behaupten, daß sie marxistisch sei. Diese berühmte Glas-Wasser-Theorie halte ich für vollständig unmarxistisch, obendrein für unsozial.“

„Vom Matriarchat übers Patriarchat zum Sekretariat!“

... seine Frau Hedda Zinner ("Die Lösung") ...

… seine Frau Hedda Zinner („Die Lösung“) …

Die Bewohner des „Lux“ scheint das nicht gestört zu haben. Und nicht nur sie.

English: Taken from 14th floor of Hotel Lux. M...

English: Taken from 14th floor of Hotel Lux. March 2007. (Photo credit: Wikipedia)

Wie die Österreicherin Ruth von Mayenburg, eifrige Kommunistin und Frau von Ernst Fischer, dem Ideologen der KPÖ und späteren Euro-Kommunisten, in dem Erinnerungsband Hotel Lux (der gerade vom Münchner Sandmann-Verlag – wohl nicht zuletzt, um von der Filmwerbung zu profitieren – neu aufgelegt wurde) erzählt, verstanden die Lux-Bewohner die neue sowjetische Gesetzgebung auf ihre Weise zu nutzen.

... Adam Scharrer ("Vaterlandslose Gesellen") ...

… Adam Scharrer („Vaterlandslose Gesellen“) …

Ehen mußten nur einfach im Bezirksstandesamt registriert werden. Dabei fragte „niemand danach, ob der ausländische Bräutigam nicht vielleicht schon Frau und Kind daheim hatte, die einheimische Braut irgendwo einen sitzengelassenen legitimen Ehegatten.

English: Taken from 14th floor of Hotel Lux. M...

English: Taken from 14th floor of Hotel Lux. March 2007. (Photo credit: Wikipedia)

Da die sowjetischen Gesetze ohnehin nicht im Ausland anerkannt wurden, war eine solche ,Lux‘-Ehe für den männlichen Teil völlig risikolos.

... Willi Bredel ("Auf den Heerstraßen der Zeit") und ...

… Willi Bredel („Auf den Heerstraßen der Zeit“) und …

Für den weiblichen Teil hingegen war sie von unschätzbarem Wert: Die Jungvermählte empfing als Morgengabe ab nun einen geschützten Wohnraum, aus dem sie niemand herauswerfen konnte, selbst dann nicht, wenn der holde Gatte gen Westen abschwirrte, um wiederum seiner revolutionären Pflicht zu genügen.“

Solche „Chancen“ eröffneten sich besonders denen, die als Sekretärinnen für die Komintern arbeiteten.

... Erich Weinert, Lyriker.

… Erich Weinert, Lyriker.

Deshalb spottete Karl Radek, Komintern-Beauftragter für Deutschland und wegen seines Sarkasmus’ gefürchtet:

„Das ist unser Beitrag zur Evolution der Menschheit – vom Matriarchat übers Patriarchat zum Sekretariat!“

300 Zimmer und 600 Bewohner

Damit war es jedoch nach dem Komintern-Kongreß vorbei. Die angeheirateten Damen mußten die Zimmer räumen. Fortan herrschte ein strenges Regime.

KPD in Essen, 1925

KPD in Essen, 1925 (Photo credit: Wikipedia)

Das Hotel Lux, inzwischen in der Gorkistraße 10, hatte, nachdem es 1934 um zwei weitere Etagen aufgestockt worden war, rund 300 Zimmer – und etwa 600 Bewohner.

Komfortabel konnte man diese Unterbringung kaum nennen, denn die meisten Räume waren nur 20 Quadratmeter groß, die sich Mann und Frau samt ihrer Kinder teilen mußten.

Auch der ungarische Dramatiker Julius Hay (M.) wohnte gegen Ende des Krieges im "Lux". Auf dem Foto sitzt er bei einer Veranstaltung in Berlin zwischen Helene Weigel und Bertolt Brecht.

Auch der ungarische Dramatiker Julius Hay (M.) wohnte gegen Ende des Krieges im „Lux“. Auf dem Foto sitzt er bei einer Veranstaltung in Berlin zwischen Helene Weigel und Bertolt Brecht.

Die Toiletten waren auf dem Flur. Dort gab es auch eine Gemeinschaftsküche, in der man sich nicht selten um die Herdstellen stritt. Und warmes Wasser floß aus den zwei Duschen pro Etage nur freitags für Männer und samstags für Frauen, so daß sich davor immer Schlangen bildeten. Außerdem beherbergte das Hotel auch eine höchst unangenehme Fauna.

Den Schriftsteller, Schauspieler, Regisseur und Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, Gustav von Wangenheim, zog ebenfalls zurück ins "Lux".

Den Schriftsteller, Schauspieler, Regisseur und Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, Gustav von Wangenheim, zog ebenfalls zurück ins „Lux“.

„Wanzen und nochmals Wanzen, eine wahre Plage für die Ausländer, die Russen waren schon immunisiert“, klagte die Frau des Schweizer Kommunisten Humbert-Droz.

Und von Mayenburg ergänzt: „Die einzigen Insassen, die sich durch die ganze Geschichte des Hauses verfolgen lassen, sind die Ratten.“ Ihrer wurde man nie Herr, weil die Bäckerei in all den Zeiten in Betrieb blieb.

Schlachten mit Eisenbändern

Ein spezielles Problem bildeten die vielen Kinder, nachdem das „Lux“ zum Emigrantenhotel geworden war. Sie tobten auf den Fluren. So wurde protokolliert, daß Eugen Varga, der „Chefökonom der Komintern“, den Sohn eines anderen Funktionärs verprügelt hatte, weil er sich gestört fühlte.

Photoportrait of actress Mary Pickford standin...

Photoportrait of actress Mary Pickford standing with guitar. : Probably in costume for the film Rosita, by Ernst Lubitsch. (Photo credit: Wikipedia)

Und Rolf Schälike, der seine Kinderjahre im „Lux“ verbrachte, erzählte:

„Aufgewachsen bin ich in Moskau, im Zentrum der Macht und staatlicher sowie nichtstaatlicher Kriminalität, Gorkistraße, ,Hotel Lux‘. Es waren die Jahre 1938-1946. Uns umgab auch jugendliche Gewalt. In unserem ,Hotel Lux‘ haben wir Partisanen und deutsche Faschisten gespielt, und ein Kind aus unserem Kreis aus Spaß aufgehängt. Es konnte nicht wieder belebt werden. Mit den Kindern vom Nachbarhaus gab es häufig Schlachten mit Eisenbändern.“

Taken from 14th floor of Hotel Lux. March 2007.

Taken from 14th floor of Hotel Lux. March 2007. (Photo credit: Wikipedia)

Zu den „Gästen“ des Hotels gehörten so ziemlich alle Männer und Frauen, die vor dem Zweiten Weltkrieg und danach eine wichtige Rolle spielten. Allerdings hat mancher erst sehr viel später erfahren, mit wem er da zusammenlebte.

Ernst Friesland, der 1921 als Generalsekretär der KPD nach Moskau kam, jedoch noch im selben Jahr die Partei verließ, war der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter.

  • Ein nicht minder bekannter Sozialdemokrat der Nachkriegszeit, damals jedoch von Walter Ulbricht, der ebenfalls im „Lux“ wohnte, als Konkurrent um die Macht befeindet, nannte sich Kurt Funk. Es war Herbert Wehner .
  • Als Ercoli lebte hier der italienische KP-Chef Palmiro Togliatti,
  • als Walter ein Mann der eigentlich Broz hieß und als Tito geschichtsträchtig wirkte.

Und Ruth von Mayenburg, im „Lux“ Ruth Wieden, erwähnt:

„Unser erhabenes Gebäude beherbergte in wanzenbelebten Mehrbettzimmern in den unteren Etagen künftige Staatsmänner von welthistorischer Bedeutung wie Tschou En-lai und Ho Tschi Minh.“

Zu dieser Liste gehören auch Dimitroff, Rakosy, Pieck, Bierut, Gottwald, die Säuberungen und Krieg im „Lux“ überstanden, wie Richard Sorge, als Spion in Japan hingerichtet, Rudolf Slansky, der 1953 als angeblicher Verschwörer nach einem Schauprozeß in Prag oder Imre Nagy, der 1958 nach Ungarns Volksaufstand exekutiert wurde.

Und noch länger ist die Reihe derer, die in den dreißiger Jahren Opfer der „Säuberungen“ wurden. Von 59 führenden Köpfen der KPD, hat der Historiker Hermann Weber recherchiert, wurden sechs in Deutschland, jedoch sieben in der Sowjetunion Opfer der Verfolgung. Und von den übrigen 1400 Funktionären, wurden 200 in Deutschland, 178 in der Sowjetunion umgebracht. Deshalb hieß es in Moskau:

„Was die Gestapo von der KPD übrig gelassen hat, das hat die NKWD aufgelesen.“

Nachts kamen die Killer vom NKWD

Zur Geschichte des „Lux“ gehören deshalb die traumatisierenden Erinnerungen an die gegenseitigen Verdächtigungen und die nächtlichen Verhaftungen. Margarete Buber-Neumann schildert, wie sich die Atmosphäre verändert hatte, als sie aus Deutschland fliehen mußten und erneut im „Lux“ einquartiert wurden:

Det Norske Arbeiderpartis landsmøte, 3-6 novem...

Det Norske Arbeiderpartis landsmøte, 3-6 november 1923 (Photo credit: Trondheim Byarkiv)

„Schon in den ersten Tagen erhielten wir einen Begriff von der veränderten Atmosphäre in Moskau. Wir riefen unsere Bekannten und Freunde an, begrüßten sie und luden sie zu uns ein. Doch die meisten lehnten mit irgendeiner Ausrede ab, wünschten nicht, uns zu sehen … Zuerst glaubten wir, dass dieser Boykott nur uns betreffe, die wir ja zu den verfemten Oppositionellen gehörten. Doch bald merkten wir, daß auch die noch in Gnaden stehenden Funktionäre einander mieden.“

Der Grund war die Angst, daß eine solche Bekanntschaft, gar Freundschaft zu jemandem, der verhaftet worden war, den Verdacht konspirativer Verbindungen und damit ebenfalls die Verhaftung nach sich ziehen würde. Deshalb wagte auch niemand nachzufragen, wo jemand geblieben war.

Diese Furcht war nicht unbegründet, wie Heinz Neumann wenig später erfahren mußte. Er wurde verhaftet und erschossen.

Am Ende wurden die Türen versiegelt

Johannes R. Becher, später Kulturminister der DDR, umschreibt dieses Regime der Angst noch in äsopischer Sprache:

„Der Aufzug nächtlich. Aller Fragen bängste: Klopft es vielleicht heut nacht an deiner Tür? Verschwinden, spurlos, ihr Verruchten Ängste. Gewitterangst? Die Angst vor dir und mir.“

Deutsch: Ernst Lubitsch vor 1920 auf einer Fot...

Deutsch: Ernst Lubitsch vor 1920 auf einer Fotografie von Alexander Binder (Photo credit: Wikipedia)

Dagegen Margarete Buber-Neumann:

„Immer qualvoller wurden die Nächte … Nach Mitternacht pflegten die schweren Schritte zu kommen. Aus dem Zimmer von gegenüber hatten sie einen Bulgaren geholt, von nebenan zwei deutsche Stenotypistinnen und aus dem Stockwerk unter uns einen Polen. Wenn ich am Tage durch die Gänge des ,Lux‘ ging, musterte ich scheu die Türen, ob wieder irgendwo eine von der NKWD versiegelt worden war. Das taten sie nach der Verhaftung, wenn keine Angehörigen zurückblieben.“

English: Cropped screenshot of Ernst Lubitsch ...

English: Cropped screenshot of Ernst Lubitsch from the trailer for the film The Merry Widow (Photo credit: Wikipedia)

Und gewöhnlich mußten die Angehörigen, die zurückblieben, in das noch tristere Nebengebäude im Hof umziehen, daß damit zum Ghetto derer wurde, denen ein Aufschub gewährt schien, die man aber meiden mußte, um sich nicht verdächtig zu machen.

„Heute sind die geraden Nummern dran“

Wie gezielt und wie wahllos die Verhaftungen sein konnten, schildert von Mayenburg:

„Kurz vorher war einem weiteren Österreicher, Franz Lang alias Rosner, der beim Leipziger Prozeß für Dimitroff als Entlastungszeuge ausgesagt hatte, ein makabres Mißgeschick widerfahren. Als eines Nachts die ‚Organe‘ wie gewöhnlich die Korridore des ,Lux‘ durchstreiften, klopften sie auch an Langs Zimmer. Eilends packte seine Frau Luzy ein Köfferchen mit dem Nötigsten, und wie Dutzende vor ihm wartete der Genosse brav vor der Tür, bis er abgeholt werden sollte.

Doch als die Geheimen zurückkamen, fuhren sie ihn an: ‚Was stehen Sie hier herum?‘ Der erwiderte, so habe man es ihm doch befohlen. ‚Welche Zimmernummer haben Sie?‘ – ‚Nr. 13‘ – ‚Heute sind bei uns nur die geraden Nummern dran!‘ Fassungslos legte sich Genosse Lang wieder zu Bett. An seine Zimmertür pochten die ‚Organe‘ nie wieder.“

German film director Ernst Lubitsch (1892–1947...

German film director Ernst Lubitsch (1892–1947), see also Ernst Lubitsch. (Photo credit: Wikipedia)

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges mußten die Kommunisten im „Lux“, die auf allen möglichen Posten gegen die Nazis, die Faschisten, agitiert hatten, erleben, daß Stalin sich mit ihnen verbündete. Damit brach für viele eine Welt, die eine Welt des scheinbar unerschütterlichen Glaubens an Marx, Engels, Lenin und vor allem Stalin war, zusammen.

Aber mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion galt das wieder nicht mehr. Und als die Truppen vor Moskau standen, wurde das „Lux“ im Oktober 1941 nach Ufa evakuiert. Nur für wenige Monate. Bereits im Februar kehrten die ersten zurück.

Heute gehört das "Lux" faktisch dem reichen Oligarchen Boris Iwanischwili. Er will 200 Millionen Dollar in das Haus investieren und es zu einem "Luxus-Fashion-Hotel" machen.

Heute gehört das „Lux“ faktisch dem reichen Oligarchen Boris Iwanischwili. Er will 200 Millionen Dollar in das Haus investieren und es zu einem „Luxus-Fashion-Hotel“ machen.

Dazu kamen als neu Einquartierte Schriftsteller-Emigranten, die bislang Wohnungen in Moskau hatten, nun aber, weil sie zerstört worden waren, eine Unterkunft suchten. Theodor Plivier, Fritz Erpenbeck, Hedda Zinner, Adam Scharrer, Willi Bredel, Erich Weinert, Julius Hay, Gustav von Wangenheim. Gehörten dazu. Und am 30. April 1945 versammelten sich an einem Seiteneingang des „Lux“ zehn Mann, um nach Berlin gebracht zu werden: die „Gruppe Ulbricht“, der Kern der Funktionäre , die die Übernahme der kommunistischen Herrschaft in der Sowjetische Besatzungszone Deutschlands zu organisieren hatten.

Hotel Lux 11

Hotel Lux 11 (Photo credit: NiceBastard)

Im „Lux“ blieben nur die zurück, die dafür nicht zu gebrauchen waren. Oder die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren wollten oder konnten.

Das Ende kam neun Jahre später. „Als man 1954 Hotelzimmer für die Landwirtschaftliche Ausstellung brauchte, schlug dem ‚guten alten Lux‘ die Stunde. Die Bewohner wurden kurzerhand ausgesiedelt, irgendwie, irgendwo untergebracht“, notiert Ruth von Mayenburg.

Danach war das „Lux“ ein fast normales, wenngleich recht vergammeltes Hotel. Nun Zentralnaja genannt. Und noch bis 2007 galt es als eines der billigsten Quartiere in der überteuerten Moskauer Hotelwelt, weil man dort für umgerechnet 45 Euro eine Schlafstelle finden konnte.

Hotel Lux 11

Hotel Lux 11 (Photo credit: NiceBastard)

Eine Gedenktafel wird es nicht geben

Aber das ist auch vorbei. Die Firma Unicor, die dem unter Jelzin zu einem riesigen Vermögen gekommenen Oligarchen Boris Ivanishvili gehört, hat das Gebäude gekauft. 220 Millionen Dollar soll das gekostet haben. Seitdem wird es in ein Luxushotel umgebaut, das die Mandarin Oriental-Gruppe managen wird. Deshalb ist noch offen, wie das Hotel, nun wieder in der Twerskaja Uliza 10, künftig heißen wird, ob wieder „Lux“ – was vielen allerdings angesichts von dessen Geschichte wenig einladend klingt – oder „Mandarin Oriental“.

Ernst Thälmann statue in Weimar.

Ernst Thälmann statue in Weimar. (Photo credit: Wikipedia)

Nur eines ist sicher: Eine Gedenktafel oder irgendeine andere Form der Erinnerung an das, was in diesen hundert Jahren im „Lux“ geschah, wer hier wohnte, wer hier hoffte und seine Hoffnungen begraben mußte, wird es gewiß nicht geben.

  • Ruth von Mayenburg, Heinrich Breloer: Hotel Lux – die Menschenfalle. Sandmann, München. 400 S. 24,80 Euro.
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