Orkanbildung vor Korsika möglich


Im Mittelmeerraum bahnt sich eine seltene und extreme Wetterentwicklung an. In den kommenden 24 Stunden könnte sich im Seegebiet zwischen Korsika und den Balearen ein (sub)tropisches Sturmsystem bilden, das laut einigen Modellberechnungen am Montag und Dienstag sogar Hurrikanstärke erreicht. Von Orkanböen, riesigen Wellen und sintflutartigen Regenfällen wären vor allem die Westküsten Korsikas und Sardiniens betroffen. Die Auswirkungen wären aber sogar von den Balearen über Südfrankreich bis nach Süditalien zu spüren.

Ein Hurrikan im Mittelmeer?

Tropentief am Mittelmeer
Chaotische Wetterszenarien

Zum ersten Mal in der Geschichte ist ein Tiefdruckgebiet über dem Mittelmeer als „Tropisches Tief“ klassifiziert worden. Dies hatte der amerikanische Wetterdienst NOAA zum Wochenbeginn getan. Es handelte sich um das Tief, das in Südfrankreich und Norditalien so heftige Regenfälle gebracht hatte, dass ganze Landstriche überflutet und Erdrutsche ausgelöst wurden. Derzeit regnet es immer noch kräftig, erst ab der Wochenmitte wird es deutlich trockener.

Bodenwetterkarte von Dienstag, 1 Uhr MEZ

Bodenwetterkarte von Dienstag, 1 Uhr MEZ

Zwischen den Balearen und Korsika liegt ein kräftiges Mittelmeertief. Es hatte die schweren Unwetter von Südfrankreich bis nach Norditalien gebracht, schwächt sich nun jedoch ab. Bildquelle: WetterOnline Mitgliedschaft

Die im Satellitenbild oft nahezu kreissymmetrische Struktur der Wolken erinnerte tatsächlich mehr an typische Tropische Tiefs. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Mittelbreitenzyklonen, wie es sie gerade im Winterhalbjahr nicht nur über Mitteleuropa sondern auch im Mittelmeerraum gibt, fehlen den Tropischen Tiefs schmallange Wolken- und Niederschlagsbänder, die Warm- und Kaltfronten. Solche Fronten waren im Einflussbereich dieses Unwettertiefs nicht leicht zu finden, was ebenfalls mehr für ein Tropisches Tief als für ein Mittelbreitentief spricht.

 

Satellitenbild von Dienstagvormittag

Satellitenbild von Dienstagvormittag

Wolkenwirbel mit Gewitterherden zwischen Palma de Mallorca und Monaco. Außerdem haben sich Gewitterzellen linienhaft zwischen Rom und Korsika formiert. Bildquelle: WetterOnline Mitgliedschaft

Gegen die Klassifikation des Mittelmeertiefs als Tropisches Tief spricht allerdings, dass das Tief nicht nur in den unteren sondern auch in höheren Schichten markant ausgeprägt war. So sah man das Tief auch „ganz weit oben“ – etwa in fünfeinhalb Kilometer Höhe über dem Erdboden – deutlich.

 

Wassermassen in Genua

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Minus 20 Grad kalte Luft lag zwischen 5000 und 6000 Meter Höhe über dem noch etwa 20 Grad warmen Wasser des Mittelmeeres (Stichwort: „Höhenkaltluft“). Daraus ergibt sich eine Temperaturdifferenz von vierzig Grad zwischen der Wasseroberfläche und der „Höhenkaltluft“, die schließlich Auslöser für die außergewöhnlich heftigen Unwetter in Südfrankreich und Norditalien war.

Tropenstürme-Spezial
Tropenstürme auch in Europa?
Mittelmeer bietet Subtropenklima
Die Meteorologen des brasilianischen Wetterdienstes trauten ihren Augen kaum, als sie am Morgen des 26. März 2004 auf Satellitenbildern rund 900 Kilometer östlich der Küste über dem Südatlantik die typische Wolkenstruktur eines tropischen Wirbelsturms mit Auge entdeckten. Nie zuvor war über dem Südatlantik ein Hurrikan beobachtet worden, aber dieses System war real und bewegte sich geradewegs auf die brasilianische Ostküste zu. Zwei Tage später, am Morgen des 28. März, ging der erste südatlantische Hurrikan der Geschichte wenig nördlich der Stadt Porte Alegre an Land, wo er erhebliche Schäden anrichtete und auch mehrere Todesopfer forderte.
Hurrikan „Catarina“ am 26.03.04 vor der brasilianischen Küste


Bildquelle: Bild: NRL Monterey – Der erste Hurrikan im Südatlantik seit Aufzeichnungsbeginn.
Der völlig unerwartete Hurrikan überraschte Meteorologen in aller Welt, denn bis dahin galt der Südatlantik als Hurrikan-frei. So verhindert der „Benguelastrom“, eine kalte Meeresströmung vor der westafrikanischen Küste, nicht nur die Bildung der nördlich des Äquators für tropische Wirbelstürme so impulsgebenden „Easterly Waves“, sondern hält auch die Wassertemperaturen des gesamten südatlantischen Beckens großflächig deutlich kühler als in den Entstehungsgebieten der nordatlantischen Hurrikane. Zudem zerblasen turbulente Höhenwinde entstehende Gewittersysteme meist so schnell, dass sie sich gar nicht erst zum Sturm organisieren können.
Hurrikan „Catarina“ am 28.03.2004 – Das Auge trifft die Küste


Bildquelle: Bild: NOAA – Im Falschfarbenbild erkennt man deutlich das Auge des Sturms unmittelbar vor seinem Landgang.
Der Hurrikan vom März 2004 in Brasilien war zwar eine meteorologische Ausnahmeerscheinung, hat aber gezeigt, dass tropische Wirbelstürme unter besonderen Umständen durchaus auch Gebiete treffen können, in denen man nicht mit ihrem Erscheinen rechnet. Hurrikane haben auch schon die europäischen Küsten erreicht, zuletzt am 9. Oktober 2005, als sich bei Madeira der Hurrikan „Vince“ entwickelte. „Vince“ verdankte seine Entstehung allerdings außertropischen Ursachen: Ein in der Höhe mit kalter Luft angefülltes Tief hatte über dem nur 23 Grad warmen Wasser der Meeresregion die initiale Gewitterbildung ausgelöst. Bereits einen Tag später schwächte sich der Hurrikan wieder zum tropischen Sturm ab.
Hurrikan „Vince“ mit Auge am 09.10.2005 nahe Madeira


Bildquelle: Bild: NASA – Auch das Auge dieses Hurrikans vor der europäischen Küste ist deutlich ausgeprägt.
Immerhin erfassten die Reste dieses tropischen Sturms 2 Tage später auch das südspanische Festland und sorgten dort für heftige Regenfälle mit lokalen Überschwemmungen. „Vince“ war damit seit Beginn systematischer Aufzeichnungen der erste tropische Sturm, der die Iberische Halbinsel erreicht hat und es ist keineswegs ausgeschlossen, dass unter ähnlichen meteorologischen Konstellationen auch in Zukunft die Reste von Hurrikans als tropische Stürme bis in den Südwesten Europas vordringen können. Massives Zerstörungspotenzial, wie etwa in den USA dürfte diesseits des Atlantik allerdings nicht von ihnen ausgehen.
Das Gleiche gilt auch für die tropensturmähnlichen Gebilde, die sich bisweilen auch über dem warmem Mittelmeer oder über dem Schwarzen Meer bilden. Solche Systeme können durchaus erhebliche Regenmengen und auch schwere Sturmböen hervorbringen, – für eine Entwicklung zum echten Tropensturm oder gar Hurrikan fehlt es ihnen in den engen Meeresbecken jedoch am nötigen Platz und damit auch am Speicher, aus dem sie die Energie für ihr weiteres Wachstum beziehen könnten. Ernste Gefahren gehen daher derzeit auch von diesen Gebilden nicht aus. Ob das allerdings auch im Zeichen des viel zitierten Klimawandels auf Dauer so bleiben wird, ist mit heutigem Wissen nicht absehbar.
Wirbel im Mittelmeer am 01.02.2006


Bildquelle: Bild: NASA – Die Ähnlichkeit der spiralartigen Struktur des Wolkengebildes mit einem Tropensturm ist nicht zu übersehen. Sogar eine Art zentrales „Auge“ ist zu erkennen.

Tropenstürme-Spezial


    Alle Infos zu Tropenstürmen
Teil 1: Geburt eines Tropensturmes

Teil 2: Die Entwicklung des Auges

Teil 3: Zerstörerischer Sturm

Teil 4: Flutwellen und Sintflutregen

Teil 5: Tropenstürme in Europa?

    Die stärksten Hurrikane
Böen bis 340 Stundenkilometer

    Hurrikan-Fotostrecke
Von oben ins Auge des Sturms

    Hurrikan „Katrina“ 2005
Die Tragödie von New Orleans
Das Unheil nimmt seinen Lauf
Das zerstörte New Orleans
Bewegende Videodokumentation


    Alle Spezial-Serien im Überblick
Hurrikane, Taifune und Zyklonen

Gewitter: Atmosphäre in Aufruhr

Tornados: Zerstörerische Kraft

Satelliten: Die Erde aus dem All

Küstenwetter: Jahreszeiten am Meer

Antarktis: Welt des ewigen Eises

Der Jahrhundertwinter 1978/79

Lawinenkatastrophe von Galtür

 

 

Tropische Stürme entstehen normalerweise nur im tropischen Atlantik und Pazifik. In sehr seltenen Fällen können jedoch auch über dem Mittelmeer und Schwarzen Meer kleine Sturmsysteme entstehen, die teils tropische Eigenschaften aufweisen. Dies passiert aber normalerweise nur im Winter, wenn kalte Luft über das noch warme Wasser streicht und so heftige Gewitterstürme entstehen lässt. Diese sind jedoch meist kurzlebig und nicht sehr kräftig, da Mittelmeer und Schwarzes Meer zu klein sind, um den Stürmen genügend Raum zur Entwicklung zu bieten.

Aktuell sind die Wassertemperaturen im Mittelmeerraum mit 25 bis knapp 30 Grad deutlich höher als normal, was die Sturmbildung begünstigt. Ob es jedoch wirklich für ein subtropisches Sturm- oder gar Orkantief reicht, muss abgewartet werden. Die Wettermodelle rechnen die Entwicklung unterschiedlich stark, es kann sich auch „nur“ ein normales Gewittertief mit viel Regen, einigen Wasserhosen und Windböen bilden. Das Potential für eine extreme Entwicklung ist aber da, deswegen sollte die Situation im Mittelmeer genau beobachtet werden.

 

Tropenstürme im Mittelmeer selten, aber möglich

Tropenstürme im Mittelmeer selten, aber möglich

Tropenstürme sind im Mittelmeer zwar selten, aber grundsätzlich möglich. Erst im November letzten Jahres entwickelte sich ein Tiefdruckgebiet zu einem Tropensturm, der sogar vom National Hurricane Center in Florida offiziell als tropisches Sturmsystem mit dem Namen „01M“ klassifiziert wurde. Bildquelle: WetterOnline Mitgliedschaft

Erst letztes Jahr gab es am 7. November ebenfalls vor der Küste Korsikas ein subtropisches Tiefdruckgebiet, welches vom National Hurricane Center in Miami sogar als Tropensturm „01M“ klassifiziert wurde. Das war zwar ein Novum, aber „01M“ war nicht das erste tropische Tiefdruckgebiet im Mittelmeerraum. Andere bekannte Sturmsysteme mit zumindest teilweise tropischen Eigenschaften traten unter anderem im Januar 1982, September 1983 und Januar 1995 sowie im Oktober 2007 auf.

 

„Isaac“ erreicht New Orleans

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