Das Zeltlager am Treffpunkt Alex, Berlin


An ATTAC stall at the Volksstimmefest, Vienna,...

Image via Wikipedia

Seit ­dem Wo­chen­en­de cam­pen Men­schen auf dem Alex­an­der­platz in Ber­lin. Sie lehnen sich an an die Pro­tes­te in Spa­ni­en an. Wäh­rend sich in Spa­ni­en mehr als 150.000 Men­schen an den Pro­tes­ten be­tei­lig­ten, blieb es am Alex­an­der­platz derzeit noch deut­lich ru­hi­ger.

Zwar be­tei­lig­ten sich meh­re­re hun­dert Men­schen am Frei­tag, den 19.​ August ​2011, an einer Party mit Stra­ßen­kunst und Kiss-​In, doch als im An­schluss ein klei­ner Teil des Platz be­setzt wurde hielt sich die Zahl der Cam­per in über­schau­ba­ren Gren­zen. Zwi­schen 30 und 50 Men­schen be­tei­lig­ten sich hier am Acam­pa­da Ber­lin.

In einer Face­book-​Grup­pe fan­den sich al­ler­dings mehr als 1.000 Men­schen zu­sam­men, die nun als spam­men­de Masse auf­tre­ten, um Me­di­en und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen sowie Po­li­zei und Po­li­ti­ker des Regimes der Bundesrepublik Deutschland GmbH an­zu­schrei­ben.

Man wolle sich mit den „größ­ten Ster­nen die­ser Be­we­gung“ ver­bin­den und auf dem Alex­an­der­platz in Berlin cam­pieren, um „das wahre Ge­fühl der Re­vo­lu­ti­on“ in der Pra­xis zu er­le­ben. Dabei hoff­ten die Teil­neh­mer, die sich der idea­lis­ti­schen „Echte De­mo­kra­tie Jetzt“- ​Be­we­gung zu­ge­hö­rig füh­len, auf eine brei­te Un­ter­stüt­zung durch die Ber­li­ner. Die For­de­run­gen blie­ben al­ler­dings äu­ßerst dif­fus. Man wolle „echte De­mo­kra­tie“, hieß es in einem Auf­ruf.

Als Hash­tag bei Twit­ter wähl­ten ei­ni­ge Teil­neh­mer den­noch das Kür­zel #Ger­man­re­vo­lu­ti­on. An­sons­ten in­sze­nier­ten sich die Cam­per „fried­lich, fröh­lich, re­vo­lu­tio­när, life und in Farbe!“ .

Au­ßer­dem for­der­ten die Cam­per immer wie­der „Zelte, Far­ben, Pla­nen und Sach- oder Geldspen­den“.

Dabei über­sa­hen sie al­ler­dings die Tü­cken des deut­schen Ver­samm­lungs­rechts. Die Zelte soll­ten be­reits am Sonn­tag, den 21. August ​2011, wie­der ab­ge­baut wer­den. Es blieb bei einer zelt­lo­sen Dau­er­kund­ge­bung, die für eine ganze Woche an­ge­mel­det wurde.

Schnell war von Zwangsräu­mung die Rede. Ei­ni­ge auffällig nervös agierende Po­li­zei­beschäftigte des Pseudolandes Berlin „trugen“ Demonstranten in den Bulli und rissen die Zelte aggressiv-eskaliserend ab.

Die klei­ne Schar des harten Kerns der aCAMPAda Ber­lin trotzte der Witterung. An­de­re Teil­neh­mer er­gin­gen sich der­weil in merk­wür­di­gen Phan­ta­si­en:

Mit der Über­nah­me des Her­zen Eu­ro­pas, der Stadt Ber­lin, könne man die ganze Welt kon­trol­lie­ren, träum­te ein Teil­neh­mer in sei­ner deutsch­na­tio­na­len Groß­machts­phan­ta­sie sinn­ge­mäß.

Unter den De­mons­tran­ten be­fin­den sich bis ver­schie­de­ne, anerkannte Ver­schwörungstheoretiker.

Georg Berres, der auf den Spitz­na­men Bau­chi hört, hielt bei­spiels­wei­se eine aus­führ­li­che Rede.

Georg Bau­chi Berres ist Be­trei­ber meh­re­rer In­ter­net­pro­jek­te und ein Ver­ant­wort­li­cher des selbst­er­nann­ten Staa­tes „Ter­ra­nia“, für den er als Bot­schaf­ter fun­giert. Das Pro­jekt er­in­nert an ähn­li­che Pro­jek­te aus der rech­ten Szene.

Wie die „Kom­mi­sa­ri­schen Reichs­re­gie­run­gen“ (KRR) be­zeich­net Georg Berres die Bundesrepublik als „GmbH“. Wie die diversen Reichs­re­gie­run­gen eines Prof. Dr. h. c. Wolfgang Gerhard Günter Ebel („Kommissarische Reichsregierung“ und „von den Alliierten genehmigt“) oder Architekten und „Professors“ Siegfried Böhm, Norbert Schittke („Exilregierung Deutsches Reich„) oder Erhard Lorenz („Volks-Bundesrath“) ver­spricht Georg Berres sei­nen An­hän­gern ei­ge­ne Iden­ti­täts­do­ku­men­te, ei­ge­ne Au­to­kenn­zei­chen sowie Steu­er­er­spar­nis­se und eine welt­wei­te „di­plo­ma­ti­sche Im­mu­ni­tät“. In sei­ner Rede auf dem Alex­an­der­platz warb Berres für „Freie En­er­gie“, eine in ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen und eso­te­ri­schen Krei­sen be­lieb­te Be­haup­tung über eine an­geb­li­che En­er­gie­form, mit der man auf fos­si­le und re­ge­ne­ra­ti­ve En­er­gi­en ver­zich­tet könne. Au­ßer­dem warn­te Berres vor einer „Neuen Welt­ord­nung“ und pro­pa­gier­te damit eine Ver­schwö­rungs­theo­rie, die von der Exis­tenz me­ga­ge­hei­mer Or­ga­ni­sa­tio­nen aus­geht, die nach der Be­herr­schung der ge­sam­ten Welt stre­ben. Im an­schlie­ßen­den Ge­spräch warb Berres für die Zu­sam­men­ar­beit mit Nazis. „‎Da krieg‘ ich die Krise, wenn ir­gend­wel­che Lin­ken nicht mit mir zu­sam­men­ar­bei­ten wol­len, weil ich mit Rech­ten zu­sam­men­ar­bei­te. Das sind Men­schen für mich“, stell­te Berres fest.

Berres ist nicht der ein­zi­ge Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker der das Camp auf dem Alex­an­der­platz un­ter­stützt. Die In­ter­net­sei­te zum „Acam­pa­da Ber­lin“ wird von einem no­to­ri­schen Is­ra­el-​Hasser be­trie­ben, der die Zu­stän­de im Ga­za-​Strei­fen schon mal mit der Shoah ver­gleicht. Auf sei­ner pri­va­ten In­ter­net­sei­te fin­den sich zahl­rei­che Ar­ti­kel, in denen Ver­schwö­rungs­theo­ri­en zum 11. Sep­tem­ber 2001 und zur „Neuen Welt­ord­nung“ be­wor­ben wer­den.

Au­ßer­dem un­ter­stütz­ten die Or­ga­ni­sa­tor des ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen „Die Kri­ti­sche Masse Fes­ti­vals“ das Camp auf dem Alex­a. Auf dem Fes­ti­val, das in die­sem Jahr in die zwei­te Runde ging, tre­ten zahl­rei­che Mu­si­ker auf, die für den Sound­track für die Be­we­gung der „Trut­her“ und „In­fo­krie­ger“ ver­ant­wort­lich sind.

In der Face­book-​Sei­te des Camps fin­den sich al­ler­dings auch an­de­re Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, die dort be­wor­ben wer­den. So ist dort bei­spiels­wei­se ein re­vi­sio­nis­ti­sches Flug­blatt zum Libyen-​Krieg zu fin­den, in dem die halt­lo­se Be­haup­tung auf­ge­stellt wird, dass eine „Nachbildung von Tri­po­lis in Katar ent­deckt“ wor­den sei. Die Er­stür­mung der li­by­schen Haupt­stadt sei in einem Film­stu­dio ent­stan­den. Gad­da­fi solle „ver­nich­tet“ wer­den. Wer das nicht glau­ben wolle, solle sich in Er­in­ne­rung rufen, was „in Dres­den und dem viet­na­me­si­schen Dorf My Lai ge­sche­hen ist“, heißt es in dem Flug­blatt.

Das Camp auf dem Alex­an­der­platz wird auf zahl­rei­chen In­ter­net­sei­ten der ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Szene be­wor­ben. Hier ist von einer „fried­li­chen deut­schen Pro­test­be­we­gung“ die Rede, die von „den Herr­schen­den“ be­droht wer­den würde. Ob die „In­fo­krie­ger“ aus Greifs­wald, das „In­fo­netz­werk“ aus Ber­lin oder der „Knast­pla­net“ aus Ham­burg: Die Ver­schwö­rungs-​Sze­ne so­li­da­ri­siert sich mit dem Camp auf dem Alex­an­der­platz.

So­li­da­ri­tät gab es al­ler­dings auch von ei­ni­gen an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen, denen man zu­gu­te hal­ten muss, dass ihnen der Cha­rak­ter die­ser Ver­samm­lung viel­leicht nicht be­wusst ge­we­sen ist. Der Pres­se­spre­cher der „Frei­en Wäh­ler Lör­rach“ ver­glich das Camp auf dem Alex­an­der­platz mit den Pro­tes­ten gegen Stutt­gart 21: „Auf dem Alex­an­der­platz fin­det der letz­te ver­zwei­fel­te Ver­such statt, Ein­fluss auf die Po­li­tik zu neh­men“, hieß es in einem of­fe­nen Brief an die Po­li­zei­ge­werk­schaft. Die Glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­ker von Attac for­der­ten die Po­li­zei auf, dass Camp am Alex­an­der­platz zu­zu­las­sen.

In der TAZ und im Ta­ges­spie­gel fan­den sich wohl­wol­len­de Be­rich­te über das Camp. „Ber­lin ist Mad­rid“, hieß es hier.

Am Frei­tag, den 26. August ​2011, ver­such­ten die Teil­neh­mer dem Camp neuen Schwung zu ver­lei­hen, nach­dem zu­letzt nur noch ein ver­lo­re­nes Häuf­chen von 20 Men­schen auf dem Alex­an­der­platz aus­harr­te. Sie rie­fen zu einem „Marsch der Zelte“ auf. Vom Bran­den­bur­ger Tor wolle man mit auf­ge­bau­ten Zel­ten zum Alex­an­der­platz mar­schie­ren und dort das Camp fort­set­zen. Etwa 50 Men­schen kamen zur De­mons­tra­ti­on. Die we­ni­gen, die am Alex­an­der­platz in ihre Zelte schlüpf­ten, wur­den von einer Po­li­zei­ein­heit in Ge­wahr­sam ge­nom­men. Die Ver­an­stal­ter spre­chen von sie­ben In­ge­wahrs­am­nah­men durch die Po­li­zei.

Die Polizei hat nun „ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren wegen Kör­per­ver­let­zung im Amt ein­ge­lei­tet“, weil in einem Youtu­be-​Vi­deo zu sehen ist, wie ein Be­am­ter einen De­mons­tran­ten schlägt.

Im In­ter­net le­cken die Teil­neh­mer_in­nen und die Un­ter­stüt­zer_in­nen ihre Wun­den. Hier wird der Po­li­zei­ein­satz mit den Zu­stän­den in der DDR ver­gli­chen. Hier ist von „maß­lo­ser Bru­ta­li­tät“ und „mas­si­ven Po­li­zei­ein­sät­zen“ die Rede. Es sei die Po­li­zei ge­we­sen, die „das Mes­ser ins Herz der De­mo­kra­tie“ ge­sto­ßen hätte, heißt es auf der Face­book-​Sei­te der Cam­per.

„So­lan­ge die Amis das ver­bie­ten, wird hier über­haupt nichts pas­sie­ren“, klagt ein Teil­neh­mer.

Ein wei­te­rer Teil­neh­mer er­läu­tert, daß sich die Po­li­zei „nicht an Ge­set­ze“ hal­ten wür­de: Diese würde näm­lich nicht mehr geben, „denn seit den zwei Be­rei­ni­gungs­ge­set­zen, ist diese GmbH ei­gent­lich nur noch Ver­wal­ter und die Bul­len, sind ihre Wach­m­an­schaft“.

Es ist ein ver­schwö­rungs­theo­re­ti­scher und an­ti­ame­ri­ka­ni­scher Jar­gon, der von die­sen Teil­neh­mer des Camps ge­pflegt wird und mit dem sie den Po­li­zei­ein­satz er­klä­ren wol­len. Die­ser Jar­gon lässt sich auch auf der Dis­kus­si­ons­ei­te von „Echte De­mo­kra­tie Jetzt“ ent­de­cken. Dort fin­det sich bei­spiels­wei­se Wer­bung für den rech­ten, eso­te­ri­schen und ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Kopp-​Ver­lag, die von den Ad­min­stra­to­ren nicht ent­fernt wird.

Auf der of­fi­zi­el­len In­ter­net­sei­te fin­det sich mitt­ler­wei­le eine Er­klä­rung der Ver­an­stal­ter_in­nen. Dort wird die mehr als op­ti­mis­ti­sche Be­haup­tung auf­ge­stellt, dass das „jet­zi­ge Ge­sell­schafts­sys­tem“ am Ende wäre. Ver­schwö­rungs­theo­re­tisch heißt es wei­ter, dass „von ei­ni­gen Po­si­tio­nen of­fen­sicht­lich die Be­feh­le ge­ge­ben“ wer­den, die „in die­sem Zu­sam­men­hang ste­hen­de Men­schen­an­samm­lun­gen – gleich wie fried­lich – im Keim zu er­sti­cken“.

Trotz die­ser Be­fürch­tu­tung wol­len ei­ni­ge Cam­per in jedem Fall wei­terma­chen. So wird das Häuf­chen der De­mons­tran­ten even­tu­ell noch ein paar Wo­chen auf dem Alex­an­der­platz zu sehen sein, bis die „deut­sche Re­vo­lu­ti­on“ so sang- und klang­los enden wird, wie sie be­gon­nen hat…

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