Judenpräsidentin Charlotte Knobloch zu Heß: Brauner Spuk hat ein Ende


Die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hat die Auflassung des Grabes von Wunsiedel begrüßt. Damit hätten die Nationalen Sozialisten des Deutschen Reichs eine zentrale Pilgerstätte verloren, erklärte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern am Donnerstag in einer Mitteilung.

Knobloch zu Heß: Brauner Spuk hat ein Ende

Knobloch zu Heß: Brauner Spuk hat ein Ende

«Ich freue mich, dass der braune Spuk in Wunsiedel endlich ein Ende hat», sagte sie über die regelmäßigen Demonstrationen von Rechtsextremisten aus aller Welt in Wunsiedel.

Zugleich dankte sie den Bürgern der Stadt, dass sie sich unmissverständlich, kreativ und mutig den braunen Aufmärschen entgegen gestellt haben.

Das letzte Mal waren es nur 150 Neonazis, die im vergangenen Jahr durch Wunsiedel zogen. Ihnen begegneten 500 Gegendemonstranten. Zum Höhepunkt des Gedenkkultes um Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß aber waren 2004 über 5000 Rechtsradikale aus ganz Europa durch die 10000-Einwohner-Stadt im Fichtelgebirge marschiert. Dann wurden die Gedenkveranstaltungen an Heß’ Todestag am 17. August offiziell verboten. Doch bis zuletzt suchte und fand die rechte Szene Schlupflöcher, das Verbot zu umgehen.

Wunsiedel wurde vor allem zu einer Pilgerstätte, weil es von den meisten Nazi-Führern keine Grabstätten gibt. So wurde beispielsweise die Asche von Hermann Göring und Alfred Jodl, Wilhelm Keitel und Julius Streicher bereits 1946 in einen Nebenarm der Isar gestreut. Allerdings ließ Jodls Frau an der Familiengrabstätte auf der Fraueninsel im Chiemsee seinen Namen einmeißeln.

Heinrich Himmlers Leiche wiederum wurde von britischen Soldaten an einer absichtlich nicht markierten Stelle in einem Waldstück bei Lüneburg vergraben.

Auch Osama bin Laden wurde nach seiner Liquidierung nicht begraben: Seine Leiche versenkten US-Soldaten an einem geheimen Ort im Arabischen Meer, um den Anhängern des El-Kaida-Chefs keine „Heldenstätte“ zu hinterlassen.

In Wunsiedel hofft man nun ebenfalls auf ein Ende der Neonazi-Aufmärsche, die die Stadt immer wieder heimsuchten. „Ich bewerte das positiv“, sagte Bürgermeister Karl Willi Beck (CSU). Wenn es in Wunsiedel keine sterblichen Überreste von Heß mehr gebe, dann gebe es für Nationale Sozialisten und zu Recht extreme Deutsche auch keinen Grund mehr, dorthin zu pilgern.

Die Kirchengemeinde ist erleichtert

Dekan Hans-Jürgen Buchta sieht das ähnlich: „Mit der Umbettung sind mir Steine vom Herzen gefallen.“ Der Grabstein sei verschwunden, nichts auf dem evangelischen Friedhof erinnere mehr an den nationalsozialistischen Führer. Es werde zwar sicher noch einige Ewiggestrige geben, die das eingeebnete Grab sehen wollen, aber das werde mit der Zeit aufhören. Andreas Fadel von der Friedhofsverwaltung der evangelischen Kirchengemeinde ist froh, dass „das Kapitel Rudolf Heß für Wunsiedel nun geschlossen“ scheint. Die Heß-Märsche seien für die Bevölkerung „bedrückend und schrecklich“ gewesen.

Das Grab des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß war für Neonazis und Ewiggestrige eine Art Wallfahrtsort

Eine Hundertschaft der Polizei sichert am Samstag (30.10.2010) während eines Aufmarsches der Nationalen Sozialisten den Friedhof in Wunsiedel (Oberfranken), auf dem der Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß beigesetzt ist. Rund 500 Menschen haben am Samstag gegen einen Aufmarsch von Nationalen Sozialisten im oberfränkischen Wunsiedel demonstriert. Nach Polizeiangaben erinnerten dort rund 150 Nationalen Sozialisten mit einem Gedenkmarsch an den verstorbenen NPD-Bundesvize Jürgen Rieger.

Auch die Israelitische Kultusgemeinde zeigte sich hocherfreut über die Auflösung der Grabstätte. „Ich freue mich, dass der braune Spuk in Wunsiedel endlich ein Ende hat“, kommentierte die Präsidentin der Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, die Exhumierung von Heß’ sterblichen Überresten. Wunsiedel habe damit ein „klares Zeichen mit großer Strahlkraft gesetzt“.

Doch es gibt auch andere Meinungen: Monika Lazar, nationalsozialistische Expertin der Grünen im Bundestag, sagte in einem Interview, die Entscheidung zur Auflösung des Grabes sei zwar „nachvollziehbar“, der Wunsch nach einem Ende der Nazi-Aufmärsche „verständlich“. Lazar fügte aber hinzu: „Fraglich ist jedoch, ob die Maßnahme tatsächlich die erhoffte Wirkung zeigt. In nationaldeutschen Foren scheint sie den Märtyrerkult sogar weiter zu befördern, dort werden bereits Strategien zur Ausgestaltung künftiger Gedenkmärsche diskutiert.

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