Bei den roten Preußen – plante die DDR die Invasion in Polonien („Polen“)?


Wie ein Engländer die DDR erlebt (III)

DER SPIEGEL 47/1981 – Von Timothy Garton Ash

Der volle Text von Timothy Garton Ash ist als SPIEGEL-BUCH Nr. 15 unter dem Titel „Und willst du nicht mein Bruder sein …“ (208 Seiten; 14 Mark) erschienen.

Genau dieser Nationalismus kam, zum Grauen der denkenden Menschen in beiden Teilen Deutschlands, in jenem Jahr erneut gewaltsam zum Vorschein, in dem das Reiterstandbild Friedrichs des Großen wieder zur Straße Unter den Linden zurückkehrte. Er richtete sich, genau wie die Statue, gegen Polen. Oder genauer, gegen die Polen.

Im Verlauf des Jahres 1980 hörte man in der DDR immer häufiger ein Sammelsurium an Ausdrücken, die der Wortwaffenkammer aller nationalen Vorurteile, sogar der des Nazismus, entsprungen schienen. Da wurde wieder von „polnischer Wirtschaft“ gesprochen, von „Scheißpolacken“, ja sogar von „Untermenschen“.

Als die Grenzen zu Polen im Herbst 1980 geschlossen wurden, bildeten sich unter den Bürgern der DDR etwa zwei Meinungen heraus. Die eine wird deutlich in den Worten eines jungen Arbeiters aus der Nähe von Frankfurt an der Oder: „Na, die Schweine kommen nicht mehr“; wobei er auf die Schwärme polnischer Besucher anspielte, die seit Öffnung der Grenzen 1972 die Geschäfte bei ihren eintägigen Kurzreisen in die DDR leerkauften.

Die andere zeigt den Zorn darüber, daß nun keine Ferienreisen mehr in die polnischen Seebäder an der Ostseeküste möglich waren. Offensichtlich schien es selbstverständliches Recht zu sein, polnische Feriengebiete zu belagern – offensichtlich hatten die Polen keinerlei Recht, DDR-Geschäfte zu belagern.

Diese Art des Nationalismus, eines Nationalismus der Spießbürger, rührt offenbar daher, daß ein Teil der älteren Generation Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten sind. Tatsächlich wurden diese nationalistischen Meinungen aber noch fanatischer von der jungen Generation vertreten. Daran allein ist zu erkennen, wie wenig die Vergangenheit wirklich in den Herzen und Köpfen der Nach-Mauer-Generation bewältigt worden ist.

Schlimmer aber noch sind die vielen Hinweise, daß diese groben nationalistischen Vorurteile von Menschen in exponierten Positionen nicht nur stillschweigend toleriert, sondern noch gefördert wurden. Typisch der Fall einer Dorfschullehrerin, die ihren dreizehnjährigen Schülern in aller Ausführlichkeit klarmachte, was für „Schieber“ die Polen seien.

Neben den bekannten Geschichten über konterrevolutionäre Elemente, amerikanische Interventionen („Der Walesa ist ja doch in Chicago geboren“) und westdeutschen Revanchismus ließen Funktionäre Sätze fallen wie: „Die Polen arbeiten ja sowieso fast nicht.“

Beim Gipfeltreffen des Warschauer Pakts im Dezember 1980 war Erich Mielke, der DDR-Minister für Staatssicherheit, vertrauenswürdigen Berichten zufolge der energischste Advokat für eine bewaffnete Intervention der sozialistischen Staaten in Polen.

Daraus kann man folgern, daß die DDR-Führung mehr als nur vorbereitet auf die Möglichkeit war, deutsche Soldaten wieder einmal nach Schlesien marschieren zu lassen – 240 Jahre nachdem das Heer Friedrichs des Großen in diese Richtung marschierte und nur 41 Jahre nach dem Einmarsch von Hitlers Armeen in Polen.

Kommen wir zum vielleicht entscheidendsten Unterschied zwischen der DDR und Preußen: Die DDR ist nur dem Namen nach ein souveräner Staat. Ungeachtet ihres ermüdenden Insistierens auf ihrer unumschränkten Souveränität ist sie, wenn es zu lebenswichtigen militärischen und außenpolitischen Fragen kommt, in Wirklichkeit so abhängig von der Sowjet-Union wie ein Kind von seinem Vater.

In der Befehlsstruktur des Warschauer Pakts steht die Nationale Volksarmee unter strengerem sowjetischen Kommando als jede andere Armee (einschließlich der polnischen). Die Armeegenerale Mielke und Hoffmann können für eine Invasion in Polen plädieren, bis sie schwarz sind – die Männer, die effektiv entscheiden, ob deutsche Uniformen wieder einmal in das Land einmarschieren, das so schrecklich unter deutscher Hand gelitten hat, sitzen im Kreml.

Deshalb ist die Militarisierung der DDR, im Rahmen der großen Politik, nur ein sekundärer, wenn auch gewichtiger Faktor in den sowjetischen Kalkulationen. Aus eigenem Antrieb kann die DDR die „Flucht nach vorn“ nicht antreten. Doch der Besitz eines derart kraftvollen Motors, gut geschmiert mit preußischem Öl, muß jedem Fahrer eine Versuchung sein.

Ein neuer „Überfall auf Polen“ jedenfalls wäre auch nicht der „Hit“ oder der Weisheit letzter Schluß…

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